Das HNA-System (Human Neutrophil Antigen System)

Bei den Antigenen des HNA-Systems (Human Neutrophil Antigen System) handelt es sich – vergleichbar dem HPA-System bei den Thrombozyten – um molekulare Varianten von Glykoproteinen auf der Oberfläche der neutrohpilen Granulozyten. Der Name des Antigens besteht aus einer arabischen Ziffer, welche das entsprechende Glykoprotein kennzeichnet, gefolgt von einem Buchstaben für den jeweiligen Polymorphismus.

AntigenGlykoproteinAminosäure (Position)Klinische Bedeutung
HNA-1a


HNA-1b


HNA-1c


HNA-Null

CD16b








CD16b nicht vorhanden

Arg (36) Leu (38) Asn (65) Ala (78) Asp (82) Val (106)

Ser (36) Leu (38) Ser (65) Ala (78) Asn (82) Ile (106)

Ser (36) Leu (38) Ser (65) Asp (78) Asn (82) Ile (106)
■ Neonatale Immunneutropenie (NIN)
■ Autoimmunneutropenie (AIN)
■ TRALI
HNA-2*

CD177

------■ Neonatale Immunneutropenie (NIN)
■ Autoimmunneutropenie (AIN)
■ TRALI
HNA-3a

HNA-3b

CTL2

Arg (152)

Gln (152)
■ Neonatale Immunneutropenie (NIN)
■ TRALI
HNA-4a

HNA-4b

CD11b

Arg (61)

His (61)
■ Neonatale Immunneutropenie (NIN)
HNA-5a

HNA-5bw**

CD11a

Arg (766)

Thr (766)
■ Neonatale Immunneutropenie (NIN)

* Es gibt kein antithetisches Antigen. Daher sollte auch der frühere Begriff HNA-2a nicht mehr verwendet werden. Es gibt allerdings ein genetisch bedingtes Fehlen des CD177. Solche Personen weisen kein HNA-2-Antigen auf (vergleichbar dem HNA-Null-Typ).
** bisher kein Antikörper detectiert

Die klinische Bedeutung von Antikörpern gegen HN-Antigene findet sich vor allem in folgenden Krankheitsbildern:

  • Neonatale Immunneutropenie (NIN)

Das Krankheitsbild entspricht der Neonatalen Alloimmunthrombozytopenie (NAIT). Allerdings sind in diesem Falle nicht die Thrombozyten, sondern die Granulozyten beim Neugeborenen vermindert. Auslöser sind plazentagängige mütterliche HNA-Antikörper gegen kindliche HNA-Merkmale. Es handelt sich um ein relativ seltenes Kankheitsbild mit einer geschätzten Häufigkeit von ca. 0,1 % aller Geburten. Klinisch fällt das Krankheitsbild durch bakterielle Infektionen des Neugeborenen (z.B. Nabelinfektionen, Infektionen der Luftwege, Septikämien) bei einer isolierter Granulozytopenie auf. Die Granulozytopenie bildet sich postpartal in der Regel spontan nach 1 bis 2 Monaten zurück, kann aber auch bis über 6 Monate anhalten. Im Knochenmark des Neugeborenen findet sich kompensatorisch eine Hyperplasie der Myelopoese. Die Labor-Diagnostik geschieht durch HNA-Antikörpernachweis bei der Mutter (in Verbindung mit einer HNA-Typisierung des Kindes), was allerdings nur in wenigen Speziallaboratorien möglich ist. Die Therapie bei Infektionen besteht in der Gabe von Antibiotika und eventuell Immunglobulinen. Auch rekombinanter Granulozyten-Kolonie-stimulierender Wachstumsfaktor (G-CSF) kann eingesetzt werden, um eine rasche Steigerung der Granulozytenzahl zu erreichen (Cave: off-label-use). Die Prognose ist bei rechtzeitiger Therapie in der Regel gut.

  • Autoimmunneutropenie (AIN)

Die primäre AIN manifestiert sich meist im Laufe des ersten Lebensjahres, die sekundäre AIN findet man häufig bei Erwachsenen im Gefolge anderer bereits bestehender Grunderkrankungen, z.B. autoimmunologische Erkrankungen wie Lupus erythematodes oder rheumatoide Arthritis, Lymphomen oder Infektionen. Es handelt sich bei beiden Formen um Autoantikörper im HNA-System, welche eine Verminderung der neutrophilen Granulozyten verursachen. Während die primäre AIN jedoch meist nach einigen Monaten spontan wieder verschwindet, nur selten einige Jahre andauert und in der Regel durch „mildere“ Infektionen gekennzeichnet ist, sind die Infektionen bei den sekundären Formen häufiger schwerer und gelegentlich sogar bedrohlich.
Die Diagnose sollte eigentlich – vergleichbar dem direkten Coombstest – durch Nachweis von HNA-Antikörpern auf der Oberfläche der autologen Granulozyten erfolgen. Dies ist jedoch wegen der geringen Granulozytenzahl im Blut der Patienten meist schwierig. Daher ist man auf den Nachweis überschüssiger, im Serum frei vorhandener Autoantikörper angewiesen. Diese Analysen sind jedoch wenigen Speziallaboratorien vorbehalten und sehr komplex, so dass der laboranalytische Nachweis einer AIN manchmal nur schwer geführt werden kann.
Die Therapie erfolgt symptomatisch durch (antibiotische) Behandlung der jeweiligen Infektionen. Auch der Einsatz von rekombinantem Granulozytenkolonie-stimulierenden Wachstumsfaktor (G-CSF), Corticosteroiden und Immunglobulinen sind beschrieben.

Darüber hinaus sind Antikörper im HNA-System oftmals für eine der gefährlichsten unerwünschten Nebenwirkungen einer Bluttransfusion, die sog. TRALI (Transfusionsassoziierte Lungeninsuffizienz), verantwortlich.